Familie | Home | Kleine Gedanken | Kleinkind

#beziehungstatterziehung – muss es wirklich entweder oder sein?

9. April 2018
kleinesbisschen beziehungstatterziehung

Immer mal wieder lese ich auf Instagram, Pinterest & Google den Hashtag #beziehungstatterziehung. Hört sich erst mal ziemlich gut an, finde ich. Eine Beziehung ist für mich ein inniges Verhältnis, welches auf gegenseitigem Vertrauen beruht. Geben wir noch ganz viel Zuneigung, Respekt, Anerkennung, Hingabe, Innigkeit, Akzeptanz und Liebe hinzu…schon haben wir die perfekte Beziehung.

Das gilt nicht nur für unsere Beziehung zum Partner, Familie oder Freunden, sondern ganz besonders für die Beziehung zwischen uns und unseren Kindern. Denn all die oben genannten Faktoren gehören für mich zu einer unbesorgten Kindheit dazu. Kinder brauchen all diese Dinge, um sich frei und selbstbewusst entwickeln zu können. Sie brauchen niemanden, der sie unterbuttert oder sie klein und machtlos hält, nur weil sie Kinder sind und noch „keine Ahnung haben“. Kinder sind keine charakterlosen Roboter, die wir Eltern uns genauso programmieren können, wie wir es gerne hätten.

Daher kommt sicherlich auch der Hashtag #beziehungstatterziehung

Kinder sind uns Eltern gleichberechtigt. Weder sind wir der Zirkusdirektor, noch sind sie die Löwen, denen wir Kunststücke beibringen, die gegen ihre Natur sind. Früher war das sicherlich anders. Kinder und Erwachsene auf Augenhöhe? Das war undenkbar.

Ich begrüße diese Entwicklung sehr. Wir Eltern von heute sehen in ihren Kindern Individuen, deren Bedürfnisse sich komplett voneinander unterscheiden können. Wir scheren nicht mehr alle Kinder über einen Kamm. Wir sehen in ihnen keine charakterlosen Wesen, die von uns geformt werden müssen. Ich glaube sogar, die meisten Kinder haben mehr Charakter als manch ein Erwachsener.

Mittlerweile sind unsere beiden Kinder 2 und 4 Jahre und ich kann mit großer Gewissheit sagen, dass beide schon mit viel Persönlichkeit geboren wurden. Rückblickend betrachtet, hatten sie als Neugeborenes / Baby schon viele Eigenschaften, die sie immer noch in sich tragen. Der Herbstjunge war von Anfang an ziemlich genügsam, feinfühlig und hat sich schnell Grenzen anpassen können. Das Steinbockmädchen wollte von Anfang an stark ihren eigenen Willen durchsetzen. Sie gab schon als Baby nie nach und war von Anfang an ein riesiger Sturkopf – ich glaube, deswegen lag sie auch andersrum im Bauch ;-).

Individuell aufs Kind eingehen ist der Schlüssel

Je älter der Herbstjunge wird, desto eher lassen wir uns auch mal auf eine Diskussion ein. [Ich muss zugeben, dass er sogar oft ziemlich gute Argumente vorbringen kann;-)]. Und das Steinbockmädchen darf mit ihren 2 Jahren schon viel mehr mitentscheiden, als es der Herbstjunge damals konnte. Ihm mussten wir ganz klar Vorgaben machen, während sie sich ziemlich schnell zwischen zwei/drei Dingen entscheiden kann. Sie möchte ALLES alleine machen und schafft auch erstaunlich viel, er würde sich am liebsten nach wie vor alles abnehmen lassen. Wie falsch wäre es also, bei beiden haargenau dieselbe Schiene zu fahren? Zu sagen „Mit einem 2-jährigen Kind geht man so und nicht anders um“ ohne auf den Charakter des Kindes zu achten? Das wäre nicht nur falsch & fatal fürs Kind, sondern würde einem das eigene Leben auch ziemlich schwer machen ;-).

Ich finde es ganz wichtig, unsere Kinder so anzunehmen, zu respektieren und zu fördern wie sie sind. Wir begegnen ihnen meistens auf Augenhöhe. Ihre Meinung zählt & wird ernst genommen. Ihre Persönlichkeit wird ernst genommen. Ihr seht also, ich bin voll dabei, wenn es darum geht, zu seinen Kindern eine Beziehung aufzubauen bzw. zu haben, in der beide Parteien auf Augenhöhe zueinander stehen.

Trotzdem stehe ich nicht hinter dem Hashtag #beziehungstatterziehung.

Warum? Erziehung ist für mich dafür einfach zu wichtig. Ich habe oft den Eindruck, Erziehung wird momentan so verteufelt. Dabei gehört sie, für mich, genauso dazu wie die Beziehung. Kinder kommen mit eigenen Persönlichkeiten auf die Welt, die beschützt werden sollen. Aber sie haben dann von vielen Dingen wirklich noch keine Ahnung. Sie wissen nicht, wo der Hase läuft. Genau wie sie lernen müssen zu laufen und zu sprechen, müssen sie lernen was Regeln bedeuten, was gefährlich ist und was Höflichkeit heißt. Und was ist so schlimm daran, seinem Kind beibringen zu wollen, dass man im Restaurant nur in einer gewissen Lautstärke sprechen sollte? Oder, wenn man beim Metzger eine Wurst geschenkt bekommt „Danke“ sagen muss? Oder Besuch mit „Hallo“ begrüßt und zum Abschied „Tschüss“ sagt? Ich stehe ja nicht mit dem Gürtel hinter meinen Kindern, wenn sie es nicht sagen. Aber ich bin auch kein Freund davon, dass solche Sachen „ganz von alleine kommen“.

Wie gesagt, ich bin voll dafür, sich Kinder frei entwickeln zu lassen. Aber eine gewisse Einflussnahme auf ihr Verhalten auszuüben finde ich in keinster Weise verwerflich. Im Gegenteil. In meinen Augen brauchen Kinder gewisse Regeln und auch Grenzen. Es gibt Phasen, da schreit unser Sohn förmlich danach, dass ich ihm Grenzen setze und konsequent bleibe.

Ist es so verwerflich, dass sie Danke, Bitte, Hallo und Tschüss sagen müssen?

Und dass ich möchte, dass sie auf uns hören, wenn wir etwas sagen? Dass ich nicht möchte, dass mein Kind im Restaurant zwischen den Tischen rennt, im Geschäft alles anfasst oder auch nach dem fünften Nein nicht aufhört, mit dem Stift an der Wand zu malen? Oder dass die Kinder am Tisch sitzen bleiben müssen, bis der jeweils andere auch satt ist? Oder in einem bestimmten Ton nicht mit uns reden dürfen? Ich finde nicht! Das hat etwas mit Respekt den Mitmenschen gegenüber zu tun. Ich finde es wichtig, den Kindern auch so etwas beizubringen. Und zwar aktiv und nicht, weil es irgendwann von ganz alleine kommt. Sobald die Kinder sprechen können, können sie auch Danke sagen. Und nicht erst mit fünf, weil sie unser Vorleben erst dann verinnerlicht haben.

Unsere Kinder dürfen sehr viel, ich selbst würde mich auch als ziemlich lockere Mutter bezeichnen. Aber es gibt eine Handvoll Regeln, die gilt es einzuhalten. Ohne Wenn und Aber. Egal ob zwei Jahre, vier Jahre, Trotz- oder Findungsphase. Eine gewisse Prise an Gehorsam, Höflichkeit und Manieren gehören für mich einfach dazu. Nicht nur im Kindesalter, sondern ein ganzes Leben lang.

Ich finde es Quatsch Beziehung und Erziehung voneinander zu trennen.

Viel mehr sollte beides ineinander greifen, denn beides ist wichtig. Es ist doch meistens so – das beste Ergebnis erzielen wir, wenn wir Vorgehensweisen kombinieren. Mal herrscht die eine vor, mal die andere. Wir sollten unsere Kinder respektieren, aber nicht vergessen, dass sie auch geleitet werden müssen und wir Eltern durchaus das Recht haben zu sagen „Bis hier hin und nicht weiter! Jetzt ist Schluss!“. Und zwar nicht erst dann, wenn das Feuer schon längst losgebrochen ist, sondern dann, wenn wir es noch verhindern können.

Erziehung komplett auszuklammern sehe ich als nicht richtig an – viel wichtiger ist es für mich, die Erziehung ans Kind anzupassen. Hat es bei unserem Sohn zum Beispiel gut funktioniert ihn nach der zweiten Ermahnung aus der Situation herauszuholen und in Ruhe bocken zu lassen, hilft es bei unserer Tochter mehr ihr zu sagen „Lass es sein, sonst kommt der Stift weg!“.

Genau wie Beziehungen von unterschiedlicher Natur sind, sollte es die Erziehung sein. Natürlich hat jeder einen gewissen Erziehungsstil, das ist klar. Aber innerhalb dieses Stiles sollten wir Eltern in der Lage sein flexibel zu agieren. Und  Androhungen & Strafen gehören hier genauso dazu, wie uns auch mal auf eine Diskussion mit unserem 4-jährigen Knopf einzulassen.

Ich rufe daher den Hashtag #beziehungundindividuelleerziehung ins Leben ;-).

Wie gesagt, jeder muss so machen, wie es für die eigene Familie funktioniert. Wir für unseren Teil fahren ziemlich gut mit einer Mischung aus allem & haben ein sehr schönes Miteinander. Meistens. ;-).

Wie steht ihr zu dem Thema? Zieht ihr eure Kinder „ohne Erziehung“ groß? Oder seht ihr es so wie ich, dass beides zusammen gehört? Ich bin gespannt auf eure Meinungen!

 

 

 

 

  1. Liebe Sandra,
    ich freue mich sehr darüber, deinen Artikel zu diesem Thema gefunden zu haben. Du sprichst mir aus der Seele.
    Mich ärgert der Hashtag mittlerweile. Ich bin ein großer Fan von Beziehung, denn ohne Beziehung funktioniert unsere Welt nicht. Ohne Beziehung wäre unser Leben sehr traurig. Ohne Beziehung, wäre gar keine Erziehung möglich.
    Mir geht es genauso wie dir. Ich kann nicht nachvollziehen, dass das Wort Erziehung so verteufelt wird. Für mich ist Erziehung in keinster Weise negativ besetzt. Erziehung bedeutet für mich auch nicht Machtmissbrauch. Ich sehe es wie du. Wir wachsen in einer sozialen Gemeinschaft auf. Wir leben nach ethischen und moralischen Regeln und ich finde es in keinster Weise verwerflich, diese meinen Kindern beizubringen. Ich sehe es sogar als unsere Pflicht an, unsere Kinder zu sozialen, emphatischen und emotional kompetenten Menschen zu erziehen.
    Ich danke dir von Herzen, dass du dich diesem Thema angenommen hast. Vielleicht sollte ich das auch mal vertiefen.
    Ganz liebe Grüße
    Yvonne

    1. Liebe Yvonne, vielen lieben Dank für deinen Kommentar. Ich sehe es genau wie du. Beides ist wichtig und Erziehung klammert Beziehung nicht aus. Genauso wenig, wie Kinder durch Erziehung unterdrückt werden. Ganz liebe Grüße, Sandra

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: