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Beckenendlage – Kaiserschnitt oder natürliche Geburt?

16. Juli 2017
beckenendlage zeichnung

Unsere Tochter hat ihren ganz eigenen Kopf. Was sie will, das will sie. Diesen Dickschädel hat sie scheinbar schon im Bauch entwickelt, denn sie lag von Beginn der Schwangerschaft an „falsch“ herum, sprich mit den Beinen nach unten und dem Kopf nach oben.

Je näher die 40. Schwangerschaftswoche rückte, desto gespannter war ich auf den nächsten Frauenarzttermin. Die Wochen verstrichen, aber Madame machte keine Anstalten sich zu drehen. Also stand für mich fest „Das wird ein Kaiserschnitt“.

Es war so um die 32. Woche als mein Frauenarzt zu mir sagte „Frau J. langsam sollten wir uns doch mal Gedanken über die Geburt machen. Ich glaube, Ihr Baby dreht sich nicht mehr“. Ich sah ihn mit großen Augen an „Wie Gedanken zur Geburt machen? Sie liegt falsch rum, also wird es doch ein Kaiserschnitt!“ Tja, da hatte ich die Rechnung aber nicht mit meinem (tollen!) Arzt gemacht. Er forderte mich auf, auch die Spontangeburt in Betracht zu ziehen. Er selbst sei bei einigen Beckenendlagengeburten dabei gewesen und es wären mit die schönsten Geburten gewesen, die er erleben durfte. Es würde auch nicht stimmen, dass diese gefährlicher seien, alles Gerüchte. Schmerzvoller vielleicht, schwieriger aber nicht.

Kaiserschnitt oder Geburt aus Beckenendlage?

Puh, da saß ich also und in meinem Kopf drehte sich das Gedankenkarussell. Klar, für Mutter und Kind gibt es nichts besserer und schöneres als eine natürliche Geburt. Aber man hört doch so viel Furchtbares über Geburten aus Beckenendlage. Was, wenn unsere Tochter im Geburtskanal stecken bleibt und minutenlang ohne Sauerstoff ist?

Mein Mann war da ganz entspannt und meinte nur „Mach das womit du dich wohlfühlst. Es ist egal, was die anderen sagen, DU musst dir sicher sein und ein gutes Gefühl haben. Ich unterstütze dich in allem“.

Die Mitmenschen hatten natürlich viel zu dem Thema zu sagen. Von „Aha!“ und „Bist du mutig“ über „Du bist ja verrückt“ bis hin zu „Ich würde mein Kind nicht diesem Risiko aussetzen!“ war alles dabei. Aber jemand der die Beckenendlage wirklich befürwortete? Fehlanzeige. Wie ich vorher auch hatten alle diese Geschichten im Kopf bei denen die Kinder unter den Geburten sterben oder eine Behinderung davon tragen. Allerdings konnte mir niemand einen konkreten Fall, eine Studie oder einen Bericht nennen. Man kennt halt nur so viele die aufgrund dessen einen Kaiserschnitt machen – also muss ja was dran sein.

Natürlich verunsicherten mich die Aussagen alle ungemein. Ich war Hin- und Hergerissen. An manchen Tagen war ich klar für eine natürliche Geburt, an anderen noch klarer dagegen.

Mittlerweile war ich in der 34. Woche und der festen Überzeugung einen Kaiserschnitt zu wollen. Ich machte trotzdem einen Termin bei einer Ärztin, die sich auf Geburten aus Beckenendlage spezialisiert hat. Wir wollten uns zumindest die andere Seite mal angehört haben.

Der Termin im Krankenhaus

Ich bzw. unsere Tochter wurde untersucht, um abzuklären, ob alle Grundvoraussetzungen erfüllt sind. In vielen Krankenhäusern wird nur entbunden, wenn das Kind in reiner Steißlage liegt (wenn also beide Beine nach oben zeigen, sprich die Füße am Gesicht des Kindes sind). Weitere Faktoren, die berücksichtigt werden sind u.a. das geschätzte Gewicht & der Entwicklungszustand des Babys, die Größe & Stellung des Kopfes, die Beckengröße der Mutter und ob die diese gesund ist. Es wird also noch lange nicht jedes Baby in Beckenendlage auf natürliche Weise geboren. Nachdem sicher war, dass ich eine „Kandidatin“ für eine natürliche Geburt bin hat die Ärztin uns Geburtsvideos von Geburten aus Beckenendlage gezeigt und all unsere Fragen beantwortet. Sie nahm uns durch ihre warme, vertrauenswürdige Art und ihre sachlich, professionellen Antworten komplett die Angst. Natürlich kommt es immer darauf an, welche Seite dir gegenübersitzt – Befürworter oder Gegner der Geburt aus Beckenendlage und ich kann hier nur wiedergeben, was uns damals gesagt wurde und worauf wir vertrauten.

Die Fakten

Im Jahr 2000 wurde die sogenannte „Hannah Studie“ veröffentlicht. Kanadische Forscher hatten drei Jahre lang über 2.000 Schwangere und ihre BEL-Geburten begleitet. Ein Teil gebar auf natürliche Weise, der andere per Kaiserschnitt. Laut Studie war die Zahl der Todesfälle und schweren Komplikationen bei den Spontangeburten deutlich erhöht. Es wurde dringend zum Kaiserschnitten geraten.

Sechs Jahre später wurden allerdings schwere methodische Fehler der Studie aufgedeckt – die Todesfälle bzw. Komplikationen konnten nicht eindeutig der Geburtsweise zugeordnet werden. Ob ein tatsächlicher Zusammenhang bestand konnte nicht nachgewiesen werden.

Aber was einmal in den Köpfen der Menschen ist, ist schwer wieder herauszubekommen. Und leider wurde nach Veröffentlichung der Studie kaum noch gelehrt, Beckenendlagen-Babys spontan auf die Welt zu helfen, wodurch viele Ärzte tatsächlich einfach nicht qualifiziert für diese Art der Geburt sind. Daher befürworten immer noch sehr viele Krankenhäuser und Ärzte den Kaiserschnitt und raten von einer natürlichen Geburt aus Beckenendlage ab. Hinzu kommt, dass Kaiserschnitte besser planbar sind und mehr Geld einbringen.

Argumente, die dabei oft genannt werden, sind unter anderem folgende (welche sich fast 1 zu 1 mit den Sorgen decken, die ich Anfangs hatte)

  • Der Kopf wird nach der Nabelschnur geboren, es droht eine temporäre Unterbrechung der Sauerstoffzufuhr
  • Arme und Beine können sich im Geburtskanal verfangen
  • Ist der Kopf zu groß besteht die Gefahr, er bleibt im Geburtskanal stecken oder kann sich erst gar nicht richtig hineindrehen

Die Entscheidung

Wie gesagt, ich wurde vorher genaustens gecheckt – unsere Tochter lag so, dass sich weder Arme noch Beine verhaken können und ihr Kopf war auch nicht zu groß für mein Becken. Sollte der Kopf wirklich (zu lange) nicht weiter kommen – dann ist der Rest ja schon geboren und der Kindskopf kann von Ärzten oder Hebammen herausgezogen werden. (Der Arzt greift dann in die Scheide, packt das Köpfchen und drückt es mit raus. So wurde es uns grob erklärt).

NATÜRLICH können all diese Szenarien eintreten und ich will auch nicht verschweigen, das spontane BEL Geburten als Risikogeburten gelten. ABER eine „normale“ Spontangeburt bringt genauso Risiken mit sich und auch ein Kaiserschnitt ist im Grunde genommen eine Operation, bei der immer etwas schief laufen kann. Darüber macht sich kaum jemand Gedanken. Oder darüber, dass man ab 36 als Risikoschwangere gilt. Das hält auch niemanden davon ab mit 37 noch schwanger zu werden, oder?

Und so kam es, dass ich meine Meinung änderte und mich rundum wohl mit dem Gedanken an eine Spontangeburt fühlte. Ich merkte, wie angespannt mich die noch ausstehende Entscheidung die letzten Wochen gemacht hatte und dass ein großer Stein von meinem Herzen fiel.

Mein Wunschkrankenhaus (in dem ich unseren Sohn geboren habe) führt leider bei Beckenendlage zwangsläufig einen Kaiserschnitt durch. Uns blieben im 30 Minuten Umkreis somit zwei Kliniken zur Auswahl – die in der ich untersucht wurde und eine zweite, die ich mir eine Woche später anguckte. Ich entschied mich für letztere. Sie lag näher, ich hatte ein besseres Bauchgefühl und habe mich dort direkt wohl(er) gefühlt.

Wann und wie es dann losging und ob die Geburt so verlief, wie ich sie mir vorgestellt habe – das erzähle ich euch in einem separaten Post 🙂

  1. Oh mein Gott. Ich kann es nicht anders schreiben! Meine Tochter ist nun 6 Wochen alt, kerngesund und auch mit dem Po zuerst gekommen! Ich hätte den Blog nicht besser schreiben können mir bzw. uns ist es haargenau so ergangen!!!!

    1. Hi Gabriele, vielen Dank für deinen lieben Kommentar :-). Und wie war eure Geburt? Unsere war genau wie die erste, sogar noch schöner <3. Ich bin so froh, dass wir diesen Weg gegangen sind!
      Liebe Grüße und ganz viel Spaß mit eurer kleinen Tochter.
      (Darf ich fragen, wie du auch meinen Blog gestoßen bist? Er ist ja noch recht frisch und kaum zu finden, haha)

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